Aus der Serie Linien der Nacht, 2006
Bleistift, Buntstift, Radiergummi auf Papier, 21 x 29,7 cm


 

Innen und Außen - Linien der Nacht

 

Einfach Leben. Leben heißt künstlerisch tätig sein.

 

Die letzte Zeit war davon geprägt, dass ich noch nicht an dem Punkt angekommen war, an dem ich etwas aussagen wollte. Die oben genannte Selbstverständlichkeit erschien ausgehebelt. Mir war der Zugang zur Welt verschlossen, ich verstand mich und die Lebenszusammenhänge nicht mehr. Gerne wollte ich ein Treibgut sein, welches verloren in der Welt umhersegelt. Die im Folgenden beschriebene Arbeit spricht von meinem inneren Erleben, welches in letzter Zeit geprägt ist von Leere, von der Suche nach dem Sinn von Dingen in der Welt, von der Suche nach Bedeutung dieser Welt für mich.

 

Nun sitze ich an meinem Tisch. Stille. Geräusche von außen dringen sanft zu mir vor. Stille. Ankommen. Was nun? Stille. Langsames Aufsteigen. Schnelle Notiz. Beobachten der Niederschrift. Arbeiten mit dem visuellen Material. Dialog zwischen meinem inneren Auge und dem Abbild. Zeichnerisches träumen. Innenräume nach Außen bringen. Erinnerung. Meinen inneren Vorstellungsraum anschauen. Strandgut kondensieren lassen. Vermutungen des Inneren. Die Langsamkeit der Wahrnehmung. Den ruhigen Moment suchend. Das innere Auge erkunden. Schicht für Schicht tiefer eindringen können. Langsames Aufsteigen. Schnelle Notiz. Den Raum des Unbewussten, Nichtfassbaren erkunden. Stille. Selbst das Medium sein. Warten bis sich etwas vor meinem inneren Auge zeigt. Den inneren Vorstellungsraum abtastend. Stille.

 

Nach den Versuchen mit der Fotografie durch äußerliche direkte Ablichtung zu einem Bild zu kommen, beschäftige ich mich jetzt mit dem inneren Vorstellungsraum. Ich bin Teil eines Organismus, eines großen Zusammenhanges von Menschenerleben. Nun will ich verstehen, begreifen. Gleichzeitig möchte ich auf die Spalten, Risse hinweisen, in denen aus meiner Perspektive eine Abweichung von dem gewohnten Alltag eintritt. Es ereignet sich ein inneres Nachempfinden, wenn durch die „Spalten des Alltages“ der innere Strom zu Tage tritt.

 

„Gewöhnlich verbirgt sich die Existenz, aber es gibt Zeiten, zu denen sie sich enthüllt: (…) auf einmal war es da, es war klar wie das Licht (…); die Existenz hatte sich plötzlich enthüllt. (…) Sie (die Existenz) war der eigentliche Teig der Dinge, diese Wurzel war in Existenz eingeknetet.  (…) die Vielfalt der Dinge, ihre Individualität waren nur Schein, Firnis. Dieser Firnis war geschmolzen, zurück blieben monströse und wabbelige Massen, ungeordnet – nackt, von einer erschreckenden und obszönen Nacktheit. (…) (aus Jean Paul Sartre: Der Ekel, Seite 144ff, aus Dr. Verena Wagner-Pfisterer: Fotografie und Alltag, Seite 215f)

 

Eine weitere Ahnung erhalte ich aus dem Gedicht von Rainer Maria Rilke

„Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,

aus jener Wendung weht es her: Gedenk! (…)

Durch alle Wesen reicht der eine Raum:

Weltinnenraum. (…).“

(Gedichte von 1906 bis 1926, Seite 878f aus Rainer Maria Rilke, Die Gedichte, Inselverlag, 2002).

 

Dieser Weltinnenraum berührt mich, weil damit der Zusammenhang zwischen meiner Arbeit, meinem Denken, meiner Anschauung und der Welt hergestellt wird. Ich bin mitten in einer Welt, in einem Zustand, Welt wahrzunehmen, und kann nicht begreifen, dass Welt nicht fassbar ist. Mich interessiert nicht die bloße Welt, mich interessiert, was dahinter steht. Doch, vieles liegt hinter dem Sichtbaren!

„Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht.“

(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Seite 8f)

 

Welchen Raum stellt das Nichtfassbare, das Unbewusste dar?

 

© Frank K. Richter-Hoffmann  |  Bremen, 2006

 

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