Mit Augen hörend  ·  Farbige Arbeiten auf Papier
Eröffnungsrede zur Ausstellung in der Kirche Dannenwalde vom 02. Mai 2015 bis 14. Juni 2015

 

Der Titel der Ausstellung stellt eine Frage: Wie kann man mit den Augen hören? Man sieht mit den Augen, man hört mit den Ohren – und manchmal ist es auch umgekehrt. Es gibt in der Neurologie den Begriff der Synästhesie, der gemeinsamen Wahrnehmung mehrerer Sinne: Das Sehen, wenn man Töne oder Texte hört, das Frösteln oder die Wärmeempfindung beim Lesen oder beim Sehen von Bildern. Es können auch Zahlen, Formen oder Buchstaben mit Farben oder Tönen verknüpft werden. Die Fähigkeit zur Synästhesie ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erfahrung von Kunst.

 

Die Beziehung der Malerei zur Musik ist viel älter als die abstrakte Kunst der Moderne. Schon Nicolas Poussin, einer der großen alten Meister der Historienmalerei im 17. Jahrhundert, suchte in seiner Malerei bewusst die Analogie zur Musik. Die unterschiedlichen Stimmungen und Gefühle, die er in seinen Gemälden wiedergab, verglich er mit den Tonarten der Musik: Er nannte sie „Modi“ nach der Moduslehre in der Musik – wobei der Begriff des „Modus“ eigentlich der Sprachlehre entstammte, der Poesie, Rhetorik und Grammatik. Viel später war es Paul Cezanne, der sich mit Poussin beschäftigte und für die Malerei den Begriff der „Farbmodulation“ fand. In der Musiktheorie ist die „Modulation“ der Übergang von einer Tonart zur anderen. „Farbmodulation“ bedeutet, dass es Farbtöne gibt wie die Töne in der Musik, dass es so etwas wie Tonarten von Farben gibt, Farbtonleitern, deren Töne einander harmonisch entsprechen, miteinander oder gegeneinander klingen wie die Töne in der Musik. 

 

Wenn man Malerei musikalisch betrachtet, fragt man nicht nach abgebildeten Gegenständen, sondern vielmehr nach der Wirkung, die ein Bild hat, auch nach der Stimmung, die es vielleicht im Betrachter auslöst. Die Musik wirkt über Töne, ihre Höhen und Tiefen, über die Längen und zeitlichen Abstände der Töne, den Rhythmus, und nicht zuletzt über den jeweils besonderen Klang der Töne, die bestimmte Instrumente hervorbringen. Das Bild dagegen wirkt über die Linien, die Formen, die Farben in ihrer Beziehung zueinander, die Größenverhältnisse, das Zusammenspiel der Farben, und die jeweils besonderen optischen Möglichkeiten, die mit der verwendeten Mal- oder Zeichentechnik zusammenhängen. „Komposition“ ist ein Wort, das in der Musik wie in der Malerei und Zeichnung verstanden wird. Es gibt aber auch eine Grenze der Analogie: Die Musik vollzieht sich über einen bestimmten Zeitraum, das Musizieren hat Dauer – während man ein Bild in einem Augenblick erfassen kann. Die Musik ist vor allem eine Kunst der Zeit,  das Gemälde oder die Zeichnung ist Ausdehnung einer Fläche im Raum.

 

Die Analogie der Künste ließe sich auf weitere Künste ausdehnen – auf die Architektur etwa, die auf den Größenverhältnissen von Räumen beruht und auf der proportionalen Gliederung von Elementen wie Fenstern, Türen, Säulen, Verstrebungen und Leisten; oder auf das Theater, das Sprache, Bild und oft Musik verbindet. 

 

Frank K. Richter-Hoffmann ist ein Künstler von ausgeprägter synästhetischer Begabung. Geboren 1979 in Dresden, zog er mit seiner Familie 1992 nach Berlin-Zehlendorf. Nach dem Abitur studierte er Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und war Hospitant für Bühne und Kostüm am Staatsschauspiel Dresden. Zugleich bereitete er sich auf sein Studium der Kunst vor. Im Sommer 2002 besuchte er einen Kurs für Zeichnung in der Thüringischen Sommerakademie in Böhlen bei Karla Woisnitza. Im folgenden Jahr 2003 nahm er sein Studium der Freien Kunst auf. Er studierte zunächst in Bremen bei Paco Knöller, dem bekannten Zeichner und Holzschneider; nach einigen Jahren wechselte er nach Dresden zu Ulrike Grossarth, Professorin für Übergreifendes künstlerisches Arbeiten / Mixed Media, die die traditionellen Grenzen der bildenden Künste überschreitet – als Tänzerin, als Plastikerin, als Gestaltende von Denkräumen. Als Vorbilder aus älteren Generationen nennt Frank K. Richter-Hoffmann Wols, Fritz Winter und nicht zuletzt Franz Erhard Walther, den Bildhauer, Konzept- und Prozesskünstler, der das künstlerische Werk als den Ort einer Handlung bezeichnete.

 

Seit dem Abschluss seines Studiums 2009 lebt und arbeitet Frank K. Richter-Hoffmann als Freier Künstler überwiegend in Dresden. In der Dannenwalder Kirche zeigt Frank K. Richter-Hoffmann ausschließlich Farbige Arbeiten auf Papier aus den Jahren von 2010 bis heute – eine kleine Auswahl aus einem umfangreichen Werk, das nicht allein Malerei und Grafik, sondern auch Fotografie und Performanz umfasst.

 

Das Malen und Zeichnen selbst ist für Frank K. Richter-Hoffmann ein Prozess, den man – wenn man in der Sprache der Musik bleiben will – beschreiben kann als eine freie Improvisation, die dennoch durchdacht ist, oder auch eine Komposition, die zwar spontan, aber nicht schnell zu Papier gebracht wird.  An einem einzelnen Bild arbeitet er lange:  Etwa zwei bis drei Monate dauert es, bis ein Werk abgeschlossen ist. Er malt und zeichnet nach seinen Impulsen, intuitiv, grundsätzlich ohne Entwurf oder Planung. Schicht auf Schicht, Form auf Form wird hinzugefügt. An einem einzelnen Werk arbeitet er nicht ununterbrochen. Er hat mehrere Werke zugleich in Arbeit. So entstehen seine Bilder assoziativ im wahrsten Sinne des Wortes – in Gruppen, die vielleicht vier oder zehn oder zwölf, maximal sogar fünfzig einzelne Blätter umfassen. Die anfängliche Entscheidung bezieht sich auf die Wahl des Formats, der Farbskala und auch der Technik; die weitere Gestaltung findet sich. Blätter, die gleichzeitig in einer Serie entstehen, beziehen sich aufeinander, was der Künstler, auch hier wieder in Analogie zur Musik, als „Resonanz“ bezeichnet. 

 

In seinen Arbeiten auf Papier bevorzugt er eine Mischtechnik aus Acrylfarbe, Bleistift, Buntstift und Zeichentechnik - malerische Überlagerung gezeichneter Form und zeichnerische Überlagerung von Malerei. Eine andere Technik, die der Künstler häufig anwendet, ist der Farbholzschnitt. Für eine Serie von Holzschnitten etwa gestaltet er vorab mehrere Druckstöcke, die er dann in verschiedenen Formvariationen und Farben verwendet. 
 

Frank K. Richter-Hoffmann bezeichnet seine Arbeit auf Papier als ein „langsames Aufsteigen von farbigen Gedanken.“ Das Blatt ist eine Fläche, in der Gedanken sichtbar werden – eine Projektionsfläche. Die Malerei, die nicht bereits in der Imagination entsteht, sondern erst im Verlauf der Arbeit, ist eine Bewusstwerdung, eine Art der visuellen Erkenntnis, ein Gedankenstrom. Was aber sind „farbige Gedanken“? Diese Gedanken sind keine Ideen, die bereits vorab formuliert werden könnten. Sie sind kein Text. Der Künstler illustriert nicht. Diese Gedanken sind auch keine „Urbilder“ oder Modelle für Dinge, die es in der Welt bereits gibt. Diese Kunst ist keine Spiegelung der Realität. Frank K. Richters Gedanken sind Formen ohne Namen: Er spricht von einem Pulsieren, einem Flimmern, einer geistigen Bewegung, in der er in seiner Arbeit steht.

 

Die Bildgedanken Frank K. Richter-Hoffmann´s sind sehr sensibel koloriert. Eine jeweils beschränkte Skala verwandter oder kontrastierender Farben dehnt sich auf der Fläche aus; Farbe harmoniert in Abstufung, Abwechslung, Kontrast. Formen und Linien sind gekurvt, eher rund als eckig, eher plastisch als flächig. Sie schweben auf der Fläche des Bildraums, ohne Schwere. Es geht von ihnen die Wirkung der Bewegung aus. Dieser Eindruck entsteht durch die Wiederholung, das Aufeinander-Bezogen-Sein der Formen. Es lässt sich denken an Natur, Pflanzen, Zellen, vielmehr, noch weniger konkret, das Wechselspiel von Kräften, wie es in dem Wort „Organismus“ enthalten ist. Man könnte seine schöpferische Arbeit auch als ein Wachstum betrachten und die Werke entsprechend als ein geordnetes Biotop. Aber auch an Bilder des Weltalls lässt sich denken. Gewiss ist, dass Gefüge zu sehen sind, zart und transparent oder komplex und verdichtet, immer wieder aber dynamische, auch rhythmische Bildgefüge, Bildwelten, die im Werden sind.

 

Der Künstler nennt seine Werke auch „Partituren“. Das ist nahe liegend, gerade dann, wenn man bedenkt, in welchen Zeiträumen die Werke entstehen. Die Malerei und Grafik Frank K. Richter-Hoffmann´s ist auch Aufzeichnung eines dauernden offenen Denkprozesses, auch Niederschrift. Darin erschöpfen sie sich nicht. Um in der Sprache der Musik zu bleiben: Diese Werke sind beides zugleich, sowohl die Partitur als auch die Aufführung, der stille Klang, der sich hier im Raum der Dannenwalder Kirche ausbreitet.

 

© Felice Fey  |  Berlin, 2015

 

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