VERSTÄRKT und DURCHLICHTET

Eröffnungsrede zur Ausstellung im Schloss Reinhardtsgrimma vom 12. Mai 2017 bis 03. November 2017

 

Liebe Kunstfreunde,

 

Was war das für eine temperamentvolle, musikalisch einfühlsame Annäherung an die Bilderwelt Frank K. Richter-Hoffmanns! Deren inspirierende Wirkung ganz unmittelbar verstärkt und durchlichtet spürbar ist?


Aber jetzt frage ich Sie etwas ganz Anderes:
Wer kennt Wilhelm Lachnit?
Die meisten also - ja!
Dann wissen Sie auch, dass vor einem halben Jahrhundert auf seinen Blättern und Leinwänden ganz andere Bilder entstanden, als wir heute hier sehen. Lachnit hat man einen Lyrischen Realisten genannt.
Der Grund, dass ich jetzt auf ihn gekommen bin, liegt darin, dass er, als er 1947 an die Dresdner Kunstakademie berufen wurde, sich tatsächlich Gedanken machte, seinen Schülern bildhaftes Denken durch Anschauung zu vermitteln und im Sinne Cézannes nach der Logik der bildhaften Zusammenhänge zu malen. Erst durch ein ästhetisches Gefühlserlebnis wollte er ein Inhaltserlebnis herbeiführen, das die subjektiven Eindrücke des Künstlers durch die gestalterische Ordnung auch für die Betrachter sichtbar macht. Das heißt, nicht über eine erzählte Geschichte solle sich ein Bild erschließen, sondern durch die Emotionen, die es bei den Betrachtern auslöst.


Und das ist die verblüffende Parallele zum Ansatz von Frank K. Richter-Hoffmann.


Frank K. Richter-Hoffmann verarbeitet seine ästhetischen Gefühlserlebnisse natürlich zuerst im Kopf: optische Eindrücke, musikalische, aber durchaus auch Emotionen, die sich aus Begegnungen, Gesprächen, auf Reisen oder wobei auch immer, einstellen und zu einem ganzen Komplex von gefühlten Erlebnissen verschmelzen: Wie fühlt sich so etwas an? Wie klingt das? - Wie sieht so etwas aus? …
Er sortiert nicht vor. Er baut sich kein Modell.
Wenn er an einem Tag mit einem neuen Blatt beginnen will, ist da nur das weiße Blatt Papier und sein Kopf. Er ist er auf seinen Kopf angewiesen, als Denkort, wie er oft sagt, als Projektor seiner inneren Gestimmtheit und inneren Bilder.
Insofern ist er – wohl noch stärker als viele andere Künstler – ganz bewusst auf sich selbst konzentriert. Aber indem er sein individuelles, ästhetisches Gefühlserlebnis sichtbar macht, macht er es, ohne es dinglich zu benennen - wie ein Musiker – Anderen zugänglich.


Ich glaube, Florian Schumann macht diesen Vergleich perfekt und nachvollziehbar.


Was aber ist zu sehen?


Ich erinnere mich noch an die Heiterkeit, die mich wieder erfasste, als ich ins Schloss kam und da diese Bilder hingen: Nicht gerade ein himmelhoch Aufjauchzen! Aber das sichere Empfinden, dass bei all den auf uns einstürmenden, uns umtosenden und sich überlagernden Ereignissen, das aufsteigende Prinzip, das durchlichtete, immer wieder verstärkt an die Oberfläche „gespült“ wird.
Schon das Einladungsbild, aus der Serie Strukturgefüge, das auch gleich eingangs, auf dem ersten Treppenabsatz den ersten großen Akkord auf den Punkt bringt, zeigt; da gibt es keine harten Kanten, keine spitzen oder rechten Winkel, eigentlich gar nichts von konkreten geometrischen Formen. Durch die ständige Bewegung im Kopf wurden sie längst abgeschliffen.


Natürlich aber gibt es Interventionen inform fast schwarzer, sich allmählich linear verjüngender Bogenschwünge, oder zum Beispiel orangefarbiger, kleinteiligerer zeichnerischer Gebilde, oder das Ausbluten einzelner der dominierenden, amöbenartig bewegten unregelmäßigen Formen, aus denen wässrig gelöste Farbspuren rinnen. All diese Interventionen beziehen also schmerzhafte Erfahrungen, Bedrohungen und in sich abgeschlossene Episoden durchaus in die Bildgefüge ein, doch sie gewinnen nie die Oberhand. Das tun die heller leuchtenden, sorgfältig mit viel Weiß angemischten Farben, in den letztlich doch immer wieder nach oben gewirbelten, fast schwerelosen, typischen Frank K. Richter-Hofffmann – Formen.


Das charakterisiert natürlich auch den Reifeprozess des Künstlers, der sich nicht nur als Bild-Künstler, sondern, als performing-touring-visual artist versteht – von Dresden aus, als Enkelschüler von Joseph Beuys – der vielgepriesenen Dresdner Maltradition zum Trotz.
Und nicht zu Unrecht! Denn nach umfangreichen Studien von Kunstgeschichte, Musikwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin, in den Jahren 2000 – 2003, der Freien Kunst bei Prof. Paco Knöller an der Hochschule für Künste Bremen, 2003 – 2006, belegte er 2006 – 2009 u.a. auch Übergreifendes künstlerisches Arbeiten / Mixed Media bei Prof. Ulrike Grossarth an der HfBK Dresden – beide genannten Lehrer ebenfalls höchst eigenwillige, experimentierfreudige Künstlernaturen, die der besonderen Sensibilisierung Frank Richters sicher entgegen kamen – und tatsächlich zusammen mit Beuys in gemeinsame Projekte eingebunden.


Ein Blick auf die Entstehungsjahre der einzelnen Arbeiten belegt den vorhin angesprochenen Reife- bzw. Entwicklungsprozess.

 

Besonders bietet sich ein Vergleich der Arbeiten im 2. Treppenabschnitt an, wenn Sie von dieser Etage hier die Treppe nach oben schauen: Zunächst ein dem allerersten Bildpaar im Parterre durchaus verwandtes Doppel, nämlich unten: Aus der Serie blaues Sediment auf blaues Sediment (Bild 1 und 2), entstanden 2015/2017 und oben: Aus der Serie rosa Sediment auf rosa Sediment (Bild 1 und 2), 2015/2017 – in gleichen Materialen, ja, gleicher Palette, würde ich sagen, gleichen Maßen, annähernd gleicher Dichte (und gleichem Preis). Dann jeweils als nächstes Doppel: Aus der Serie Kreise im Raum von Wirklichkeit die Bilder 1 bis 2, bzw. 3 bis 4, 2014. Zwar ist auch hier ein aktives wohl noch regeres Agieren zu spüren, doch gerade das obere Paar mit seinen vielen noch offenen, Weißpartien, sowie die Datierung auf ein einziges Jahr, belegen, dass es hier noch nicht zu der erneuten, verdichtenden, schichtenden Überarbeitung gekommen ist, die die Ausgeglichenheit der Formen der mehrfach bearbeiteten Schichtenbilder so harmonisch rundet.

 

Er selbst beschreibt es in etwa so:
Einzelne Papiere zum Trocknen immer wieder bei Seite legen.
Von einem Papier auf das Nächste wandern und von einem zum nächsten Papier die Gestalten weiter wachsen lassen. So werden die Blätter serielle Arbeiten, die als Ganzes gesehen und zu Blöcken zusammen gefügt werden können. Es gilt, den ständigen Bewusstseinsstrom zu verdeutlichen, wobei die einzelnen Arbeiten dabei nur Ausschnitte aus dem Inneren sind. Ein Überlagern von Zeit, ein langsames Schichten vollzieht sich. Verdichtung und Engführung ereignen sich. Das ganz selbstverständliche beiläufige Format, das mir einen direkten Zugriff ermöglicht, nutze ich. Es kommt nicht darauf an, das Format ständig zu variieren, sondern ein vergleichbares Gegenüber zu haben. Das Format lerne ich nach und nach mehr kennen und kann dadurch meinen Erfahrungsschatz vergrößern, … zur Bühne für einen Projektionsraum, der innere Räumlichkeiten als äußere Formen in einer Zeichenwelt auf dem Papier in den Realraum bringen kann. Es schließen sich Kreise von Kreisen.

 

Bei den Holzschnitten allerdings, im Foyer vorm Festsaal, Aus der Serie Das Schweigen der Klarheit (Bild 1 bis 8), von 2015 überträgt er den zeitlichen Reifeprozess auf die unterschiedliche Kombination der 5 verschieden ausgearbeiteten und jeweils anders gefärbten Farbholzdruckstöcke, so, dass insgesamt 101 unikate Farbholzschnittblätter in den unterschiedlichsten Gestimmtheiten entstanden sind.

 

Aber was rede ich hier eigentlich noch:
Acht Arbeiten haben sie schon gesehen – manches Element sicher intuitiv wiedererkannt – anhand anderer aber erstaunt festgestellt, wie sich bekanntes verfremden kann! In einem wieder neuen faszinierenden Spiel Frank K. Richter-Hoffmanns mit Formen und Farben, das die gewohnte Klarheit ins Wanken oder zumindest zum Schweigen bringt.

 

Hören wir, was Florian Schumann darin sieht …

 

© Dr. Jördis Lademann  |  Dresden, 2017

 

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